Die Geschichte der deutschen Korsettmacher und Korsettindustrie

von Ch. Fahrenkrog-Petersen

Genähte versus gewebte Korsetts 

Die Korsettindustrie hatte sicherlich ihren Höhepunkt in der Zeit von 1850 -1920. Danach kam das regelmäßige Tragen von Korsetts außer Mode. Heute werden Korsetts hauptsächlich in Deutschland im handwerklichen Verfahren von Korsettmacher gefertigt. Die meisten aktuell im Handel erhältlichen Korsetts sind in Asien hergestellt, da die Herstellung von Korsetts ein sehr zeitintensiver Vorgang ist.

Die deutsche Korsettindustrie konzentrierte sich hauptsächlich in den heutigen Bundesländern Baden-Württemberg und Sachsen. Weitere Standorte waren die Städte Köln und Berlin. 

Anfangs benutzten die württembergische und sächsische Korsettindustrie verschiedene Fertigungsverfahren. Bei den einem lag der Focus auf den gewebten Korsetts und die anderen konzentrierten sich mehr auf genähte Korsetts. Letztere Form hat sich bis heute bei den Schnürkorsetts durchgesetzt.

 

Die Geschichte der württembergische Korsettindustrie

Die Korsettfabrikation entstand aus der Webereiindustrie. Korsetts wurden früher in ein oder zwei Teilen gewebt. Die eigentliche Form des Korsetts entstand durch die Kunst des Webens selbst. Württemberg war die Keimzelle der Korsettweberei. Die Korsettweberei ist in ihrer Technik verwandt mit der alten Handbaumwollweberei, die in Württemberg in der Mitte des 18. Jahrhunderts zusammen mit der Baumwollspinnerei Verbreitung fand.

Die württembergischen Baumwollspinnereien entwickelten sich damals langsam aus kleinen Betrieben und hatten gegen die englische Konkurrenz der damaligen Zeit es schwer, die über einen besseren Maschinenpark und besser ausgebildetes Personal verfügte. Das Konkurrenzproblem verschärfte sich noch als Württemberg 1834 dem deutschen Zollverein beitrat, da nun die leistungsfähigen rheinpreußischen und sächsischen Spinnereien hinzukamen. 1840 gab es nur noch vereinzelte Handspinnereien und Spinner von Baumwolle.

Auch die württembergische Baumwollweberei machte eine langsame Entwicklung durch. Es waren meist Kleinstunternehmen die sich auf die Leinwandfabrikation konzentrierte. Die vorherrschende Technik war die Handweberei. Die Weber betrieben neben der Weberei auch noch Landwirtschaft. 

Weitere politische Entwicklungen wie z.B. die Aufhebung der Kontinentalsperre und Einfuhrverbote in Österreich verschärfte noch die wirtschaftliche Situation der Weber.

Vor 1848 kann von einer Korsettindustrie in Deutschland nicht die Rede sein. Der geringe Bedarf beschränkte sich auf die gehobene Mode und wurde durch Importe von Pariser Ateliers gedeckt. Natürlich gab es auch kleine deutsche Korsettmacher die einzelne Stücke nach Maß nähten.

Die eigentliche Korsettindustrie stammt aus Frankreich, wo bereits vor 1848 von der Firma Robert Wely in Bar-le-Duc (Lothringen) gewebte Korsetts herstellt wurden. So verwundert es auch nicht, dass der Begründer der deutschen Korsettindustrie ein Franzose war. 1848 gründete d´Ambly, ein ehemaliger französischer Offizier, die erste Fabrik für gewebte Korsetts in Deutschland. Er hielt dabei staatliche Unterstützung. Er wurde von damaligen Präsidenten der Königlichen württembergischen Zentralstelle für Gewerbe und Handel Dr. Steinbeis geworben. Die zunehmenden Erfolge der französischen Korsettindustrie hatten sich herum gesprochen und man sah in den Franzosen den geeigneten Mann um dieses auch in Deutschland zu erreichen und so die wirtschaftliche Situation für die Werber zu verbessern. Allerdings war dieser frühe Versuch von Wirtschaftsförderung nicht erfolgreich.

Im Jahre 1851 starteten eine Gruppe von sieben Männer einen zweiten Versuch die Korsettindustrie in Deutschland zu etablieren. Sie starten mit wenigen Webstühlen. Aus diesen Anfängen entstand die Firma Rosenthal und Steinhardt & Co. die neben Bettdrellen auch handgewebte Korsetts anfertigte. Diesen Pionieren folgten eine Reihe weiterer Firmen, die teils aus früheren Webereien hervorgingen, teils auch neugegründet wurden.

Die Technik der neuen Fabrikation war selbst für gelernte Weber schwierig. Das Gewinnen und das Anlernen wurden somit zu den Hauptaufgaben der neuen Unternehmen.

Von den verschiedenen Korsettfabriken aus dem Raum Stuttgart Cannstatt und Göppingen wurden um 1860 im ganzen Land Webereifilialen eingerichtet. So wurden bereits 1858 in Heubach auf der Schwäbischen Alb für Göppinger und Stuttgarter Fabriken Korsetts auf Handwebstühlen gewebt. In der Zeit von 1860-1870 sind ca. 200 Korsettweber in Heubach beschäftigt. Diese Weber wurden rund 3 Monate angelernt, denn sie hatten meist vorher als Zeugweber gearbeitet, die aber wie oben beschrieben keine Beschäftigung mehr hatten. Dieses Anlernen fand in Filialen vor Ort statt, die jeweils ca. 30 Plätze hatten. Sobald sie selbstständig arbeiten konnten arbeiteten die Weber zu Hause weiter. Die Heimarbeit erfolgt auf dem eigenem Webstuhl, die der Weber für ungefähr 50-60 Mark anschaffen musste. Der Tagesverdienst eines Webers betrug ungefähr 1 Gulden, damit waren die Verdienstmöglichkeiten ungefähr doppelt so hoch wie beim Zeugweben. Die Heubacher Agenturen bestanden bis 1878, in einzelnen Fällen auch bis 1888 gearbeitet. Seit 1878 wurden teilweise auch genähte Korsett gefertigt. Von 1886 wurden ausschließlich genähte Korsetts gefertigt.

Die Weber waren ausschließlich Männer. Frauen wurden beim Besticken, Einschieben der Fischbeinstäbe, Waschen und Fertigmachen der Korsetts beschäftigt.

In den Anfangsjahren wurde ausschließlich für den Export nach Nordamerika produziert. Die heimische Nachfrage entstand erst mit den wirtschaftlichen Aufschwung nach 1870, der mit dem zunehmenden allgemeinen Wohlstand erst die Voraussetzung für das allgemeine Tragen von Korsetts in breiteren sozialen Schichten ermöglichte. Bis dahin waren Korsetts Luxusgüter die der gehobene Stand bei französischen und deutschen Corsetièren kaufte. Der Rest der Bevölkerung war noch korsettlos.

Dagegen war der amerikanische Bedarf an Korsetts hoch. Die schnelle Eroberung des amerikanischen Marktes durch die württembergische Korsettfabrikanten geht auf dem Umstand zurück, dass viele junge Juden infolge der bis 1848 geltenden Beschränkungen für gewerblichen Tätigkeiten aus Württemberg nach den USA ausgewandert waren. Als auch für Juden 1848 die Gewerbefreiheit wieder eingeführt wurde, wandte die sich der neuen Korsettindustrie zu. Ihre Verwandten in Amerika übernahmen dann den Vertrieb der hergestellten Korsetts in den USA. Die dort gebildeten Zweigstellen waren schnell bedeutende Handelsunternehmen. So unterhielt die damals führende Korsettfirma Ottenheimer aus Stuttgart ein Schwesterunternehmen Ottenheimer Brothers in New York.

In der Folge hing die deutsche Korsettindustrie von der Wirtschaftslage und Zollpolitik der USA ab. So hatte der amerikanische Bürgerkrieg von 1861 sich auch sehr negativ in der Auftragslage der württembergischen Korsettindustrie ausgewirkt. Nach dem Krieg erfolgte ein erneuter Aufschwung, der bis etwa 1872 andauerte.  Alleine in den Jahren von 1871 bis 1891 exportierte das Unternehmen Ottenheimer jährlich zwischen 100.000 und 1 Mio. handgewebter Korsetts nach den USA. Nach 1891 ging die Produktion von handgewebten Korsetts stark zurück. So wurden z.B. 1892 nur noch 20.000 Stück exportiert. Ursache war hierfür die hohen Einfuhrzölle seit 1890. Schon seit 1887 war die Nachfrage durch die schlechtere Wirtschaftslage in den USA gesunken.

Auf dem deutschen Markt auf dem sich die Korsettfabrikanten zunehmend beschränken mussten, existierte nie eine große Nachfrage nach gewebten Korsetts, sondern hier wurden die aus mehreren einzelnen Stoffteilen zusammengesetzten genähten Korsetts bevorzugt. Diese wurden auch zu einem niedrigeren Preis verkauft.

In der Folge des Exportrückganges stellt die württembergische Korsettindustrie ab 1880 – spät im Verhältnis zu anderen Gegenden - ihre Produktion auf die Fabrikation genähter Korsetts um.

Durch die Umstellung von gewebten Korsetts zu genähten Korsetts ändert sich auch die Zusammensetzung der Arbeiterschaft, denn während das Weben eine männliche Tätigkeiten war, wurde das Nähen von Korsetts von Frauen ausgeführt. Die Männer hatten allerdings noch eine Rolle beim Zuschnitt. Aus der Weberei wurde eine Konfektionsindustrie, deren hauptsächliches technisches Hilfsmittel die Nähmaschine war. Dort dominierte damals Frauenarbeit, die wesentlich geringer entlohnt wurde. Die bestehenden Unternehmen schafften diesen Wandel und zusätzlich kam es zu Neugründungen. Die Standorte um 1900 waren in den Städten: Stuttgart, Cannstatt (heute auch Stuttgart), Göppingen, Heubach, Mögglingen, sowie einzelne Betriebe in Ebingen, Bisingen usw.

 

Die Geschichte der sächsischen Korsettindustrie

Das Jahr 1865 gilt als Gründungsjahr der sächsischen Korsettindustrie. Die erste Gründung geht auf Moritz Mendel in Oelsnitz zurück. Weitere Gründungen folgten. In den Anfangsjahren wurden beide Arten hergestellt, die Korsetts ohne Naht (gewebte Korsetts) und die Korsetts mit Naht (genähte Korsetts). Auch hier waren die gewebten Korsetts hauptsächlich für den Export bestimmt. Im ersten Jahr hatten alle Fabriken in Oelsnitz zusammen ca. 50 Mitarbeiter.

Im Gegensatz zur württembergische Korsettindustrie entwickelte sich die sächsische Korsettindustrie nicht aus der Weberei, sondern es waren meist Krinolinenfabriken die zur Korsettproduktion übergingen. Deshalb wurde auch schon 1868 die Produktion von gewebten Korsetts in Sachsen eingestellt.

Bei den Arbeitskräften standen die Unternehmen mit der vogtländischen Spitzenfertigung – Plauer Spitze – im Wettbewerb.

Im Jahre 1884 hatte die größte Fabrik 500 Arbeiterinnen sowie genauso viele Heimarbeiterinnen. Die zweitgrößte Fabrik hatte etwa 300 Arbeiterinnen und 400 Heimarbeiterinnen. Im Jahre 1886 waren in  Oelsnitz und Umgebung rund 2000 Arbeiterinnen in der Korsettproduktion in und außer Haus beschäftigt.

Es war die Hochzeit der Korsettindustrie, die auch überall zu Neugründungen führte. In Folge kam es dann zu Überkapazitäten und Preisverfall. Die Sächsische Korsettindustrie konzentrierte sich immer mehr auf die Herstellung billiger Massenware.

 

Korsettfabriken in den Großstädten Köln, Berlin und Mannheim

Neben den beiden geschlossenen Zentren der Korsettindustrie in Sachsen und Württemberg entwickelte sich nur In Köln, Berlin und Mannheim größere Korsettfabrikationen.

In Köln entwickelte sich die Korsettindustrie ab 1879 aus einem Korsettgroßhandel. Aufgrund des höheren Lohnniveaus wurde die Fertigung auf höherwertige Ware fokussiert, weil dann die Arbeitskosten weniger ins Gewicht fallen. Der ersten Gründung folgten auch hier weitere Unternehmen.  Die bedeutendste Kölner Fabrik beschäftigte etwa 500-600 Arbeiterinnen mit der Herstellung von mittlerer und bester Qualität, damit mit einer Angebotspalette die früher aus Paris und Brüssel stammte. Auch für den Export wurde produziert.

Auch die Berliner Korsettindustrie entwickelte sich aus dem Handel. Im Unterschied zu den Kölner Unternehmen produzierten die Berliner Unternehmen mehrheitlich für den Berliner Markt. Die Größe des Marktes kam ihnen hier auch sicherlich entgegen. Insgesamt beschäftigten 20 Fabriken ungefähr 1800 Arbeiterinnen und Heimarbeiterinnen.

In Mannheim existierte zu dieser Zeit ein Betrieb der etwa 300-400 Arbeiterinnen beschäftigte. In weiteren Städten existierten nur kleinere Unternehmen mit 50-200 Arbeiterinnen.